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TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 11. Juli 2022 von Karin Leitner „Der fehlgeleitete Bundeskanzler“

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Innsbruck (OTS) – Karl Nehammer dürfte sich seiner Rolle nicht gewahr sein. Er hat nicht vermeintlicher Gaudimax zu sein. Er hat die Republik in einer der größten Krisen seit Langem zu führen. Besorgte Bürger verlangen Verantwortungsbewusstsein.

Karl Nehammers Start als Kanzler der Republik war gut – was seine Auftritte anlangte. Kein Von-oben-Herab, keine Besserwisserei wie von seinem Vorvorgänger Sebastian Kurz. Verbindend in Richtung Wissenschafter und Oppositionellen gab er sich punkto Pandemie. Er wusste, dass ein Ton- und Stilwechsel nötig ist, um die auch wegen der Korruptionsvorwürfe gefallene Partei aufzurichten.
Viel ist seither passiert. Und das zeigt, dass Nehammer überfordert ist. Exemplarisch dafür war die Cobra-Affäre. Ein Regierungschef lädt nicht kurzerhand zu einer Pressekonferenz, um Trinkumtriebe in seinem Hause und deren Folgen emotional zu kommentieren. Wenn schon, macht das ein Parteiangestellter. Diese Causa mag ja eine Sache von Politbeobachtungsfeinspitzen gewesen sein. Viele Bürger haben andere, existenzielle Sorgen. Ermattet vom Corona-Virus, gesundheitlich und/oder wirtschaftlich, ängstigen sie die Auswirkungen des Krieges des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine – mit der Teuerung von Energie, Mieten, Lebensmitteln. Die türkis-grün Regierenden, geführt von Nehammer, vermitteln nicht den Eindruck, Herren der Lage zu sein.
Nun auch noch das. Nehammer befand beim Parteitag der Tiroler ÖVP zu Preissteigerung und Inflation: „Wenn wir jetzt so weitermachen, gibt es für euch nur zwei Entscheidungen nachher: Alkohol oder Psychopharmaka.“ Ja, Menschen brauchen gerade in Zeiten wie diesen Aufheiterung. Meinten Nehammer und die Seinen, seine Äußerungen würden solche bringen, war er fehlgeleitet. Die vermeintlichen Kalauer offenbaren nicht den Hauch eines Gespürs ob der Situation, sie sind eines Kanzlers unwürdig. Weder ist trotz der hiesigen historischen Weinseligkeit Glorifizierung des Saufens geboten – zu viele sind ob der belas­tenden Geschehnisse dahingehend krank –, noch sind es Scherze zu Medikation gegen Depression, Panikattacken und Angststörungen. Witzeleien zu diesem Thema sind ungehörig, unangebracht.
Nehammer dürfte nicht gewahr sein, dass er nicht als Bundesheerler in einer Kaserne sitzt, für Gaudium sorgend, dass er nicht Blauer in einem Bierzelt ist, nicht Generalsekretär einer Partei, die nach Aufmerksamkeit heischt. Nehammer ist verantwortlich für Wohl oder Wehe von Menschen in diesem Land – in einer der größten Krisen seit Langem. Als solcher sind von ihm Professionalität, Ernsthaftigkeit, Weitsicht, bedachte Wortwahl gefragt. Gebraucht wird jemand mit Führungsstärke und Kompetenz. Nicht jemand auf Musikantenstadl-Niveau.

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
[email protected]

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